Reformatio eingestellt
Mitteilung der Herausgeber, 30. Juli 2010
Ende 2009 wurde die *Reformatio - Zeitschrift für Kultur, Politik, Religion* beim Abschluss ihres 58. Jahrgangs eingestellt. Über *Archiv* oder *Suche* sind nach wie vor alle erschienenen Artikel auffindbar. Sie können online bestellt werden.
Anna Stüssi

DER REDAKTIONSSCHLUSS
Nachruf

Ohne den interessierten Zöllner, der ihn beim Grenzübergang nötigte «schreib mir’ s auf!» wäre Laotses Taoteking nicht aufs Papier gekommen und wir wüssten nichts von seiner Weisheit «Dass das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt». So erzählt Bert Brecht im Gedicht, das ausklingt in die Ermahnung: «Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie ihm abverlangt.»

Auch das meiste, was auf die Seiten der Reformatio gekommen ist – wir hoffen, es habe auch ein bisschen zur Verminderung der Härte beigetragen – verdanken wir einem Grenzwächter, der uns bloss Gedachtes schriftlich abverlangte: dem Redaktionsschluss. Ohne ihn wäre so manches im Ungefähren verdämmert und wir wüssten nicht, dass wir Mitteilenswertes bei uns tragen. «Freue mich, dass ich das geschrieben habe» – «hätte es nicht gemacht ohne Aufforderung» – «wusste gar nicht, dass das in mir steckt» – «bin einer Sache und mir selbst auf die Spur gekommen».

Der Redaktionsschluss war allerdings für mich und Hektor, die wir ihm mit vereinten Kräften entgegen gingen, ein schwer einzuschätzender Grenzwächter. Würde er nun eher Henker oder Hebamme oder beides in einem sein? Das liess sich erst gegen Mitternacht abschätzen, wenn mit sanftem gling-gling die Posteingänge auf den Bildschirm drängten. X meldet, es tue ihm leid, er habe doch nichts zustande gebracht, während Y ohne Vorwarnung die doppelte Anschlagszahl liefert und Z höflich anfragt, bis wann denn der Artikel fertig sein sollte. Jetzt packt uns der Zeitwirbel, Jongliernummern und Improvisationskünste sind gefragt. Überraschung wirft die Planung durcheinander. Manches ist kürzer oder länger, witziger oder fader als erwartet. Wie die Texte ordnen? Ergeben sie einen Klang? Passt der Titel? Sticht das «Stichwort»? Endlich, im Morgengrauen, schreibt jedes noch schnell sein eigenes Artikelchen. Dann mit den liebenswürdigen Layouterinnen im Medienpark verhandeln, zur Post eilen mit den Korrekturen, vielleicht im letzten Moment noch einen Freund um ein Gedicht bitten, denn eine Seite ist leer …

Das ist das Fieber, das ich vermissen werde – das Hin und Her und die fliegende Verständigung, die hellwache Präsenz und Aufmerksamkeit fürs grosse Ganze und die kleinsten Fehlerchen, die Zufälle und das Glück der abgewandten Katastrophe. Und das alles für ein Produkt von schöner Gestalt – denn war nicht die edle Typographie (2002 von Irene Fehr entwickelt) eine Oase in der Hässlichkeit aktueller Druckerzeugnisse? Schade dass wir gehen. Mögen wir so gelassen verschwinden wie Laotse, der Knabe und der Ochse: «Und mit Dank für eine kleine Reisegabe / Bogen sie um jene Föhre ins Gestein».

(Reformatio Nr. 4/2009)